Wer ist Lily Chou-Chou?
Vor ein paar Jahren habe ich den Song „グライド“ der Band Lily Chou-Chou zum ersten Mal in einer Playlist gehört. Der Song und das dazugehörige Album haben mich direkt in den Bann gezogen. Die sphärische Musik der Band war einfach toll, und das Cover, das eine mit dem Rücken zugewandte Frau in einem grünen Reisfeld zeigt, ebenso (das Album ist hier auf Spotify zu finden).
Nachdem ich mich mehr mit der Band beschäftigt habe, konnte ich herausfinden, dass es ursprünglich eine fiktive Band aus einem Film namens All About Lily Chou-Chou war – ein Drama von Regisseur Shunji Iwai aus Japan von 2001, in dem Musik eine zentrale Rolle spielt.
Seitdem wollte ich den Film sehen, aber es hat mehrere Jahre gedauert, bis ich es jetzt endlich geschafft habe. Andauernd sah ich den Film in All-Time-Lieblingslisten von Filmfreaks in diversen Foren wo sich eben so Cineasten wie ich umhertreiben, aber ich kannte nur die Musik der Band und das Poster des Films.
Leider ist es um die Verfügbarkeit von Filmen aus dem asiatischen Raum eher schlecht bestellt in Deutschland. Dank des Booms und Erfolgs von einigen Produktionen vor allem aus Südkorea ist es in den letzten Jahren zwar deutlich besser geworden, aber ältere Filme findet man nach wie vor selten auf Streamingportalen, und auf physischen Medien hierzulande schon fast gar nicht. Im Ausland sieht es da deutlich besser aus.
Nachdem der Film 2024 vom Label Film Movement in den USA als Neuauflage auf Blu-ray ohne Regionalcode-Beschränkung herauskam, habe ich ihn jetzt endlich gekauft und konnte ihn nun endlich sehen (wer den Film online sucht, wird ihn u.a. auch auf YouTube finden, aber darauf habe ich verzichtet).
Hier der Trailer, der ohne den Film gesehen zu haben, nicht allzu viel verrät:
Die Handlung in Fragmenten: Warum das wichtig ist
Vorweg: Der Film ist 146 Minuten lang, im japanischen Original mit englischen Untertiteln, aber die Bildsprache mit atemberaubenden Einstellungen und die wirklich fantastische Musik (vieles von Claude Debussy, und die Songs von Lily Chou-Chou) haben mich komplett in den Bann gezogen.
Der Aufbau des Films verweigert sich klassischen Erzählmustern. Mir ist das erst nach ungefähr einer halben Stunde wirklich klar geworden. All About Lily Chou-Chou springt zwischen Zeiten, Orten und Perspektiven der einzelnen jugendlichen Darsteller. Man ist gezwungen, Puzzlestücke zusammenzusetzen: Die eingeblendeten Chats, die in einem Onlineforum gepostet werden, sind nicht nur Stilmittel, sondern für die Story essentiell – daher unbedingt lesen, was eingeblendet wird.
Schon nach den ersten Minuten ist man vollkommen an den Bildschirm gefesselt, obwohl man gar nicht so viel versteht: Eingeblendete Chats, von denen man anfangs nicht weiß, was sie bedeuten, träumerische Aufnahmen in den Landschaften Japans, Musik.
Wir folgen dem (großteils) 14-jährigen Hasumi, einem eher ruhigen, introvertierten Schüler, der Trost und Identität in der Musik der Sängerin Lily Chou-Chou findet um seiner Einsamkeit zu entfliehen. In einem Online-Forum tauscht er sich unter Pseudonym mit anderen Fans über den sogenannten „Ether“ (Äther) aus – ein schwebender, nicht unbedingt greifbarer Begriff, der vielleicht für das Gefühl von Verbundenheit steht. Die Interpretation bleibt dem Zuschauer überlassen.
In der realen Welt ist Hasumi recht isoliert. Die Schule ist kein Ort der Bildung, sondern schon eher ein Schlachtfeld psychologischer und physischer Gewalt. Erwachsene spielen im Film keine besonders große Rolle oder sind keine besonders große Unterstützung.
Nachdem sein Freund Hoshino von einem traumatischen Erlebnis zurückkehrt (die Szenen in Okinawa, mit Handkamera gefilmt, sind sehr eindringlich), verändert sich dessen Persönlichkeit. Aus dem einstigen Vorbild und Freund von Hasumi wird ein Mitschüler, der sein Umfeld tyrannisiert – auch Hasumi selbst.
Was diesen Film so besonders macht, ist die Art, wie Regissuer Shunji Iwai uns diese Geschichte präsentiert: Fast wie ein Tagebuch, dessen Seiten verstreut und wieder zusammengesetzt wurden. Wir sehen immer wieder Szenen mit einem anderen Jugendlichen im Zentrum des Geschehens – Hasumi, Hoshino, das Mädchen Kuno. Als Zuschauer ist man Teil des Forums, Teil der Gedanken, Teil der Verlorenheit die eigentlich alle ausstrahlen. Ich selbst saß vor dem Fernseher und wollte insbesondere Hasumi oft packen und ihn quasi anschreien: Jetzt sag doch endlich was!
All About Lily Chou-Chou ist definitv kein gewöhnliches Coming-of-Age-Drama.
Visuelle Poesie und digitale Unruhe
Die Bildsprache des Films ist von beeindruckender Sensibilität. Iwai nutzt Digitalkameras – für das Produktionsjahr 2001 ein interessanter, vielleicht sogar recht revolutionärer Schritt. Die Ästhetik vermittelt sowohl unmittelbare Authentizität (ganz besonders auf Okinawa), aber auch Surrealität (die wirklich wunderschönen Szenen in den Reisfeldern, beim Drachenfliegen, oder beim Chorgesang in der Schule).
Besonders eindrucksvoll ist die Farbpalette: Das warme Sonnenlicht in den ländlichen Rückblenden kontrastiert mit den bläulich-grünen, kalten Tönen der Gegenwart. Es sind diese subtilen Einstellungen, die den emotionalen Wandel der Figuren abbilden. Der Zuschauer muss sich zurechtfinden zwischen Erinnerung und Realität, zwischen Emotion und Leere.
Und dann ist da natürlich das Internet. All About Lily Chou-Chou ist vielleicht einer der ersten Filme, die die Einsamkeit des digitalen Zeitalters so ehrlich eingefangen haben – und das schon 2001. Die Forenbeiträge, die auf dem Bildschirm auftauchen, wirken oft wie innere Monologe, manchmal sogar wie Gedichte. Der Äther verbindet, aber er isoliert auch, die Anonymität wird zur Barriere. Der digitale Raum und die Realität sind zwei vollkommen verschiedene Welten. Das ist eine der großen Stärken des Films: Digitale Kommunikation zu thematisieren, lange bevor soziale Netzwerke unser Leben bestimmten.
Lily Chou-Chou: Die Stimme der verlorenen Jugendzeit
Die Musik ist das schlagende Herz des Films – und Lily Chou-Chou ist mehr als eine Künstlerin. Sie ist Mythos, Sehnsuchtsfigur, Projektionsfläche. Ihre Musik, produziert von Takeshi Kobayashi mit der Stimme von Salyu, bewegt sich irgendwo zwischen Dream Pop, J-Rock, Ambient und Trip-Hop – sphärisch, schwerelos, zugleich etwas depressiv.
Der Äther, über den die Fans sprechen, ist dieses Gefühl, das ihre Musik auslöst. Für Hasumi ist Lily Chou-Chou eine Form der Rettung, ihre Musik ein Rückzug. In einer Welt, die ihn vor allem verletzt, bietet sie einen Ort, an dem er er selbst sein kann. Diese Idee, dass Musik als Zufluchtsort dient, ist natürlich universell und gilt auch heute noch, wahrscheinlich für jeden, auch für mich heute noch. Aber in einem Film habe ich Musik als ein zentrales Thema selten so tiefgehend und persönlich dargestellt gesehen.
Die Musik in All About Lily Chou-Chou erlaubt die Flucht vor der Realität, bietet aber keine Lösung. So wie in einer Szene eine neue CD von Lily Chou-Chou zerbricht.
Teilweise harte Szenen, die in Watte verpackt werden
Manche Szenen im Film haben mich recht hart erwischt. Nicht wegen expliziter Gewalt (obwohl es auch ein paar gewalttätige Szenen gibt, vor allem psychischer Natur), sondern wegen der Kälte, mit der sie inszeniert sind. Ein Beispiel: eine Szene, in der eine Mitschülerin gedemütigt wird – nicht aus Lust, sondern weil es sich eben aus der Gruppe so ergeben hat. Oder eine recht harte Szene in der Hasumi eine zentrale (aber nicht teilhabende) Rolle übernimmt. Die Kamera bleibt distanziert und arbeitet mit visuellen Tricks, um die Szenen für den Zuschauer erträglicher zu machen.
Shunji Iwai konfrontiert uns mit Jugendlichen, die zu Tätern und Opfern gleichzeitig werden. Ohne einfache Schuldzuweisungen, ohne moralische Auflösung. Die Gewalt entsteht aus dem System heraus. Erwartung, Druck in der Schule und zuhause, Gruppendynamik. Man fragt sich, wie war es eigentlich bei einem selbst früher in der Schule? Wie würde ich mit so einer Situation umgehen? Zumindest war die Zeit bei mir damals nicht ganz so düster.
Ein langes Musikvideo für die Ewigkeit
In einem Artikel, den ich nach dem Film gelesen habe, meinte der Autor, der Film kam ihm vor wie ein überlanges Musikvideo. Das stimmt meiner Meinung nach sogar. Ästethik, Musik, Farbgebung könnten einem Musikvideo entsprungen sein.
Der Film hat bei mir ziemlich Eindruck hinterlassen. Die letzten 30 Minuten waren irgendwie heftig, aber auch melancholisch und eindringlich. Ich hatte viele Fragen, und es ist etwas passiert, was mir bei einem Film eher seltener passiert: Dass ich ich direkt noch einmal sehen will. Ihn noch tiefer begreifen, noch mehr entdecken, besser verstehen will. Von welchem Film kann man behaupten, dass man ihn nach Ende des Abspanns direkt wieder sehen will?
Mit Hasumi konnte ich mich zu großen Teilen selbst identifizieren, vor allem mit seiner Flucht in die Musik und in den Äther um die Welt irgendwie zu verstehen. Musik war und bleibt ein zentraler Bestandteil in meinem Leben. Anonyme Onlineforen und heute auch soziale Medien helfen, man selbst zu sein, was man vielleicht im echten Leben nicht immer sein kann.
Fazit: 9/10 – fast ein Meisterwerk, das immer wieder gesehen werden muss
All About Lily Chou-Chou ist kein Film, den man nebenbei schauen kann. Kein Liam-Neeson-Actionkracher. Keine seichte Feierabend-Komödie. Das Coming-of-Age-Drama ist eindrucksvoll in Bild und Ton, die zumeist jungen Schauspieler sind toll. Vieles im Film ist oft schwer zu ertragen. Der Film stellt viele Fragen über die Jugend, die Träume und Gedankenwelten: Die Einsamkeit, die dunkle Welt da draußen, die Zukunft. Der Äther ist hier der Zufluchtsort, die Kraft der Musik, die einem Halt gibt.
Ich kann den Film sehr empfehlen, er wird definitiv bleibenden Eindruck hinterlassen. Allerdings mit einer Warnung, denn es werden einige sensible Themen im Film behandelt, mit der vielleicht nicht jeder konfrontiert werden möchte. Die nicht-lineare Erzählstruktur erfordert Aufmerksamkeit. Aber die Belohnung, die man bekommt, nämlich einen Film, den man nicht vergessen wird, ist es wert.
Der Film ist u.a. auf Amazon.com als Blu-ray oder DVD bestellbar
Die US-DVD ist auch auf Amazon.de erhältlich (Affiliate Link)
Habt ihr All About Lily Chou-Chou schon gesehen? Wie fandet ihr ihn? Ich freue mich über jeden Kommentar!