Yi Yi: Ein Film über das Leben
Edward Yangs Meisterwerk Yi Yi ist am 18.12.2025 in der 4K-Restaurierung wieder ins Kino gekommen. Auf DVD und Blu-ray ist der Film (derzeit nur) über das Ausland erhältlich, im Streaming ist er hierzulande aktuell auch noch nicht zu finden.
In den vergangenen Jahren habe ich einige Filme von Edward Yang sehen können, vor allem dank des Streaminganbieters Mubi, das dem taiwanesischen Regisseur in der Vergangenheit eine eigene Reihe gewidmet hat. Er galt als einflussreich und hat das taiwanesische Kino neben Hou Hsiao-hsien maßgeblich geprägt.
Yi Yi (hier bei der IMDb), gilt dabei als sein Meisterwerk, für das er in Cannes auch den Regiepreis gewinnen konnte. Ich habe den dreistündigen Film aber leider bisher nie sehen können. Zum 25-jährigen Jubiläum war es aber endlich soweit, denn der Film, der im Jahr 2000 erschienen ist, wurde in einer neu restaurierten 4k-Fassung für eine Kino-Wiederaufführung angekündigt. Das ließ ich mir natürlich nicht entgehen, auch wenn Yi Yi in meinem lokalen Arthouse-Kino sehr früh um 11 Uhr an einem Sonntag gezeigt wurde.
Edward Yangs letzter Spielfilm (er starb leider recht früh mit 59 Jahren im Jahr 2007) ist ein Familienporträt, ein Stadtfilm, ein Film über Zeit, Entscheidungen und all die kleinen Dinge, die unser Leben ausmachen.
Eine Familie, viele Blickwinkel
Im Mittelpunkt von Yi Yi steht die Familie Jian, die in Taipei um die Jahrtausendwende lebt. Wir erleben mit jedem Familienmitglied den Alltag, die Schwierigkeiten und Hürden des Lebens und spannen einen großen Bogen von einer imposant in rot inszenierten Hochzeit am Anfang des Films bis zu einem Begräbnis am Ende. Die Famile, das sind der Vater NJ, die Mutter Min‑Min, Tochter Ting‑Ting, der jüngste Sohn Yang‑Yang und die Großmutter. Yi Yi ist kein klassisches Familiendrama mit eindeutiger Hauptfigur.
Edward Yang erzählt die Geschichten jedes einzelnen parallel. Jede Figur bekommt ihren Raum, und ihre eigenen Konflikte. Das Leben läuft hier nicht dramaturgisch chronologisch ab, sondern durcheinander, gleichzeitig, manchmal aneinander vorbei. In Yi Yi wird immer wieder aus der Sicht einer anderen Person erzählt.
Der Trailer
NJ – ein Mann voller Selbstzweifel
NJ, der Familienvater, ist ein Mann mittleren Alters, beruflich erfolgreich, familiär eingebunden, aber trotzdem voller Zweifel. Die kurze Wieder-Begegnung mit seiner Jugendliebe Sherry im Hotel wo die Hochzeit stattgefunden hat bringt alte Fragen zurück: Was wäre gewesen, wenn? Habe ich mich richtig entschieden? Eine berufliche Reise nach Tokyo eröffnet ihm die Chance, Vergangenes wieder zu beleben.
Sehr spannend ist, wie Yang bei den Szenen zwischen NJ und Sherry immer wieder auf seine Tochter Ting-Ting nach Taipei zurück wechselt und ihre Beziehungsprobleme zeigt mit Pangzi (bzw. „Speckbauch“ bzw. „Fatty“, wie er im Film immer genannt wird), der in sie verliebt ist. Unterschiedliche Generationen, aber die Themen sind dann doch dieselben.
Eine der stärksten Figuren in Yi Yi ist Herr Ota, ein Geschäftspartner von NJ, mit dem sich eine Freundschaft entwickelt. In einer Schlüsselszene in einem Restaurant zeigt er NJ, der auf gewisse Weise unglücklich ist mit seiner aktuellen Situation, was die wahren Werte des Lebens sind.
Every day in life is a first time. Every morning is new. We never live the same day twice. We’re never afraid of getting up every morning!
Yang‑Yang sieht, was andere nicht sehen
Sohn Yang-Yang ist für mich eine der schönsten Figuren im Film Yi Yi. Neugierig, klug, sensibel – und mit einem Blick auf die Welt, der oft klarer ist als der der Erwachsenen. Während um ihn herum viel geredet und gestritten wird, schaut Yang-Yang genauer hin, durch das Objektiv seiner Kamera. Er beobachtet Menschen, Situationen, Stimmungen. Und er versucht, das, was er sieht, festzuhalten.
Seine Idee, die Hinterköpfe der Menschen zu fotografieren, wirkt zunächst etwas seltsam. Er erklärt, dass Menschen diesen Teil von sich selbst nie sehen können, und dass er ihnen mit seinen Fotos etwas zeigen möchte, das ihnen sonst verborgen bleibt. In der Schule stößt er damit allerdings auf Unverständnis. Mitschülerinnen hänseln ihn, nehmen ihm die Kamera weg, lachen über seine Bilder.
Dabei sind diese Fotos einer der Schlüssel zum Film. Edward Yang nutzt immer wieder Spiegel, Fenster und Glasflächen, um genau dieses Thema sichtbar zu machen: dass wir nie alles sehen können, weder von anderen noch von uns selbst.
Do you know what I want to do when I grow up? I want to tell people things they don’t know. Show them stuff they haven’t seen. It’ll be so much fun.
Leben, Tod und das Dazwischen
Der Tod ist präsent, ohne aber in den Vordergrund gedrängt zu werden. Die Großmutter liegt im Koma und wird zum stillen Zentrum der Familie. Alle sprechen mit ihr, erzählen Dinge, die sie sonst niemandem sagen würden. Oder sie wissen nicht, was sie sagen sollen, weil nichts los ist in ihrem Leben.
Ting-Ting und Pangzi gehen in einer Szene zusammen ins Kino, in einem Gespräch danach zweifelt Ting-Ting daran, dass man überhaupt noch ins Kino gehen sollte, denn wozu? Pangzi versucht es Ting-Ting anhand eines Mordes im Kino zu erklären, die aber wendet sich durch die morbide Erzählung eher ab (dies wird später im Film noch relevant).
- Pangzi: „Life is a mixture of happy and sad things. Movies are so lifelike – that’s why we love them.“
- Ting-Ting: „Then who needs movies? Just stay home and live life.“
- Pangzi: „My uncle says we live three times as long since man invented movies.“
- Ting-Ting: „How can that be?“
- Pangzi: „It means movies give us twice what we get from daily life.“
Edward Yangs Stil – ruhig, präzise, distanziert
Edward Yang drängt sich nie auf. Die Kamera in Yi Yi beobachtet eher, bleibt oft auf Abstand, lässt Szenen wirken, die Schnitte sind lang. Wir als Zuschauer beobachten das Leben, das auf der Leinwand stattfindet. Dialoge klingen beiläufig, es gibt viele ruhige Szenen. Der Film erklärt nicht und vertraut darauf, dass wir mitdenken und mitfühlen.
Das Tempo ist langsam, aber nie träge und es wird tatsächlich auch bei der langen Laufzeit von knapp drei Stunden nie langweilig. Man lebt quasi mit diesen Figuren zusammen in Taipei, und das bleibt hängen und ist spannend, obwohl man eigentlich nur einer Familie beim Alltag zuschaut.
Fazit
Yi Yi ist ein unglaublicher Film, der mich über drei Stunden in den Bann gezogen hat. Seine statische, eher entfernte Kamera, seine tollen Figuren direkt aus dem Alltag, die vielschichtig gezeichnet sind, haben Yi Yi zu einem für mich besten Filme die ich je gesehen habe gemacht. Er erzählt nichts Spektakuläres, und genau darin liegt seine Größe. Es geht um Beziehungen, um verpasste Chancen, um kleine Momente des Glücks und um die Schwierigkeit, sich selbst zu verstehen.
Die 4K-Restaurierung und die Kinoauswertung in Deutschland sind ein großes Geschenk. Ich konnte glücklicherweise die Originalversion mit deutschen Untertiteln sehen, aber Rapid Eye Movies hat auch eine neue deutsche Synchronisation angefertigt.
Ich hoffe, dass der Film auch hierzulande bald auf DVD & Blu-ray erscheint. Bis dahin kann man auf die neue 4k-Blu-ray von Criterion zurückgreifen, die im Januar 2026 in UK erscheint (hier bei Amazon UK).
Hat jemand den Film gesehen? Was ist eure Meinung? Ich freu mich über Kommentare. Meine jedenfalls ist klar eine 10/10 – das gibt es eher selten bei mir.
„Yi Yi“ – Regie: Edward Yang, Taiwan / Japan 2000, 173 Minuten
Yi Yi ist in der Tat ein toller Film, und auch meiner Meinung nach Yangs bester. Besonders die Szenen mit Ota haben es mir angetan. Ich empfehle noch den etwas älteren „Taipei Story“ aus den 80ern, auch erstklassig!